Als ich zwei Jahre alt war, war ich der Meinung: Ein Hundeleben ist nicht besonders lebenswert und die Menschen sind gemein. Ich lebte nämlich bei Amerikanern in Heidelberg und als diese nach Amerika zurück gingen, haben sie mich einfach ausgesetzt. So kam ich, mit einem Trauma, das ich nie vergessen konnte, ins Heidelberger Tierheim. Dort saß ich dann, unvermittelbar, weil ich ein Bullterriermischling und obendrein noch schwarz war.
Als meine Frist abgelaufen war und ich schon eingeschläfert werden sollte,
fasste sich die Leiterin des Tierheims ein Herz und rettete mich. Sie
war nämlich Mitglied in einer Rettungshundestaffel und fragte
morgens vor einer Übung zwei ihrer Kameraden, ob sie mich nicht
für kurze Zeit in Pflege nehmen könnten bis ich vielleicht
doch noch ein Zuhause fände.
So kam ich dann in den Odenwald und hatte sogar noch eine junge Schäferhündin an meiner Seite. Plötzlich war das Leben wieder schön. Es gab lange Spaziergänge und ich war nie alleine. Es gab da auch ein paar Vermittlungsversuche, die aber schon nach zwei Wochen von meinem Pflegefrauchen eher halbherzig durchgeführt wurden. Nachdem die Vermieterin der Wohnung ihr Einverständnis gegeben hatte, durfte ich dann für immer bleiben !!!
Da Shari, die Schäferhündin bereits ein ausgebildeter Rettungshund war und von meinem Frauchen geführt wurde, bildeten eben mein Herrchen und ich ein Team.
Bis das mit dem Team soweit war, verging einige Zeit, da ich so meine Macken hatte.
Natürlich nicht mehr als jeder normale Hund, aber ich war da schon ausdauernd.
Zum Beispiel war mein Jagdtrieb leider sehr hoch und musste erst in richtige Bahnen geleitet werden. Außerdem mochte ich keine Katzen und auch keine schwarzen Rüden. Und alleine bleiben wollte ich auf gar keinen Fall. Und bei Gewitter oder gar an Silvester konnte ich vor lauter Angst schon mal ein mittleres Chaos anrichten. Aber sonst war ich ein lieber und sehr verschmuster Hund.
1993 stellten wir uns zum ersten Mal der Rettungshundeprüfung in Fläche und Trümmer.
Bis 1996 waren wir in der Rettungshundearbeit ein erfolgreiches Team.
Ich hatte mich zu einem ganz ordentlichen Hund gemausert. Ganz begeistert war
ich von den jährlichen Urlauben in Österreich. Wir sind
dort ganz viel gewandert und wir haben viel erlebt. Doch jedes Mal,
wenn gepackt wurde, packte mich auch etwas: Die Panik, zurück
gelassen zu werden !!
Eine wahre Herausforderung für meinen Seelenfrieden waren die beiden Umzüge meiner Familie.
1996 hat mein Frauchen dann das erste Kind erwartet. Sie machte sich gar keine Gedanken darum, ob wir Hunde eifersüchtig sein könnten. Diese Gedanken machten sich aber die anderen. Glücklicherweise ließ sich mein Frauchen nicht aus der Ruhe bringen und so hatten wir nichts zu befürchten. Unser Leben ging einfach so weiter. Die kleine Erdenbürgerin war dann überall dabei, wurde von uns akzeptiert und wenn es sein musste, auch beschützt.
Mein Herrchen musste ab 1997 das neu gekaufte Haus renovieren und hatte nicht mehr so viel Zeit für die Rettungshundearbeit. Ziemlich zeitgleich musste Shari mit der Arbeit aufhören, weil sie oft krank war.
Also haben mein Frauchen und ich uns zusammen gerauft. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, da wir uns ja erst aufeinander abstimmen mussten, haben wir dann noch mal richtig Leistung gezeigt. Mit acht Jahren lief ich zur Hochform auf. Die Anforderungen in unserer Staffel sind zu der Zeit stetig gestiegen, schließlich wollten wir ja durch Leistung überzeugen. Wir waren ein tolles Team und mein Frauchen konnte sich voll auf mich verlassen.
So war ich ganz stolz, als ich nach dem Gasunglück in Alsbach 1999 als erfahrener Rettungshund den Keller, wo überall noch Schwelfeuer waren, absuchen durfte.
Klarer Fall, dass ich ganz souverän gesucht habe, obwohl das ja mein erster realer Trümmereinsatz war. Da konnten sich die Jungspunde mal was abgucken.
Trümmerarbeit machte ich noch viel lieber als Flächensuchen. Ich konnte mich
sehr schnell und sicher auf den Trümmern bewegen.
Bei einer Übung kurz vor der Prüfung 1998 habe ich mich verletzt. Aber sooo schlimm war das gar nicht und ich habe erst meine Versteckperson noch gesucht. Als ich von den Trümmern unten war, untersuchte mich mein Frauchen und fuhr mit mir zum Tierarzt. Der sagte ihr, dass ich eine Sehne abgerissen hätte. Na ja, so schmerzempfindlich war ich nicht, also habe ich die Prüfung eine Woche später halt mit Verband gemacht.
Mein Temperament war schwer zu zügeln. Probleme hatte ich damit auf den Geräten. Ich flog geradezu über die Geräte, und das sah leider nicht so schön aus. Mein Frauchen mühte sich redlich, aber ich konnte einfach nicht langsam machen.
Die Geburt eines weiteren Familienmitgliedes und auch der Tod meiner Gefährtin 1999 konnten mich nicht davon abhalten, meine Stellung in der Staffel als erfahrener Rettungshund auszukosten. Als ältestes Rudelmitglied hatten all die Jungen Respekt vor mir.
Meine Abneigung gegen schwarze Rüden, die mit dem Alter immer stärker wurde, war hier uninteressant, da die Jünglinge gar nicht auf die Idee kamen, meine Stellung anzutasten.
Mit fast zwölf Jahren stellte ich mich ein letztes Mal der Rettungshundeprüfung.
Es gab mittlerweile schon Noten für einzelne Sparten und auf die konnte ich, bis auf die Gerätenote (s.o.) mächtig stolz sein.
Im Privatleben bin ich dann aber doch ruhiger geworden. Wenn es regnete, musste ein Spaziergang nicht unbedingt sein. Ein Schmusestündchen mit Frauchen war auch was ganz Tolles. Frauchen sagte öfter, ich wäre etwas wunderlich, wie ein alter Mann halt. Und so war es wohl auch. Ich machte nur noch das, was mir Spaß machte. Aber am Wochenende bei der Übung war ich wieder voll da. Besonders wenn Judith mit der Beißwurst wegrannte und ihr berühmtes TSCHAKKKKKOOOOOOOO!!!!!!!! brüllte, war ich nicht mehr zu halten.
Tja, so erlebte ich zehn glückliche Jahre bei meiner Familie. Auf meine
alten Tage sollte ich sogar noch einen Wesenstest machen. Als
Rettungshund !!! Aber ich konnte den Bullterrier in mir vom Aussehen
her nicht verleugnen und so war auch ich dran. Der Termin war schon
ausgemacht, aber vorher fegte mich, zusätzlich zu meinen
altersbedingten Zipperlein, ein heimtückischer Kreuzbandriß
aus den Schuhen.
Mein Frauchen entschloss sich dann schweren Herzens, dass ein Leben mit dieser Verletzung für mich nicht mehr schön ist und schickte mich, nachdem ich mich von vielen meiner Kameraden noch verabschiedet hatte, in den Hundehimmel. (Ein Schelm, wer hier anderes denkt !!)
Von hier aus, sehe ich dem Treiben zu Hause und in der Hundestaffel täglich zu.
Meiner Nachfolgerin Maxi wünsche ich viel Spaß und Erfolg in der Rettungshundearbeit.
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